Euphemismen und ihre Übersetzung, Teil 1

Wir schauen uns mal einen der neuen Werbeslogans meiner Lieblingspartei an. Die FDP wirbt mit „Steuern runter. Soli weg. Mitte entlasten.“ Rot und blau auf gelb. Sieht super aus. Folgender erklärender Text steht darunter:

Wir wollen eine neue faire Balance zwischen Bürger und Staat. Die Mitte der Gesellschaft muss dazu #spürbar entlastet werden. Von Wachstums- und Wohlstandsgewinnen darf nicht allein der Staat profitieren. Unsere Vorschläge sind: Entfall der Stromsteuer, sinkende Sozialbeiträge, Freibetrag bei der Grunderwerbsteuer für die selbstgenutzte Immobilie sowie Abschaffung des Solidaritätszuschlags.

Was bedeutet das eigentlich genau? Hier also:

Euphemismen und ihre Übersetzung, Teil 1

*Wir wollen eine neue faire Balance zwischen Bürger und Staat.*

Diese Balance ist eine Sache der Perspektive. Stellt euch auf einer Waage auf der einen Seite ein 5-kg-Gewicht und auf der anderen Seite ein 0,5-kg-Gewicht vor. Jetzt dreht den Kopf ein wenig …. – und schon steht alles inner Balancel. :-)

Im Ernst: Die Worte „fair“ und „Balance“ suggerieren eine Ausgeglichenheit im Geben und Nehmen, die in der liberalen Welt so aussieht, dass die Reichen ihre Gewinne weiter mehren dürfen und diese dann möglichst gering versteuern müssen, während die weniger Reichen, mehr für ihr Wohlergehen bezahlen sollen. Denn je mehr „Individualität“ („Bürger“) desto weniger Hilfe aus öffentlicher Hand („Staat“). Und die Balance zwischen den beiden liegt immer im Auge des Betrachters. In diesem Fall das Auge einer marktorientierten Partei.

*Die Mitte der Gesellschaft muss dazu spürbar entlastet werden.*

Die Mitte beginnt wo genau? Also bei unsereinem bei 50 Prozent plusminus 10 bis 20 Prozent etwa. Das ist allerdings falsch interpretiert. Denn die FDP spricht nicht von der Mitte der Bevölkerung, sondern von der Mitte des Kapitals. Und da liegt bei den Liberalen die Mitte in etwa bei 90 Prozent plusminus 10 Prozent. D.h. die oberen 80 Prozent sollen bei der gelben Klientelpartei von zusätzlichen Abgaben und Steuern möglichst verschont werden. Sie erklärt das auch gleich im Einzelnen:

*Von Wachstums- und Wohlstandsgewinnen darf nicht allein der Staat profitieren.*

Also wer Wachstum schafft und Wohlstand für sich – und vor allem für sich! – und auch für andere ein wenig generiert, soll das schöne Geld doch nicht gleich dem Staat zur allgemeinen Verteilung in den gierigen Rachen werfen müssen. Da muss doch wohl aber mal die Balance und so gewahrt bleiben. Denn es soll ja fair sein.

Wenn der Gute überhaupt Gewinn macht.

Wenn er allerdings Verluste schreibt, kann er die doch dann aber zumindest mal steuerlich absetzen und das Gemeinwesen zu Ader lassen dürfen. Ist ja fair. Vong Balankse her.

Die Banker haben das ja ganz gut ausbalanciert: Unterstützung bekommen, wenn sie sich verzockt haben – Leute rausschmeißen, wenn sie übermäßig Gewinn machen.

*Unsere Vorschläge sind: Entfall der Stromsteuer, sinkende Sozialbeiträge, Freibetrag bei der Grunderwerbsteuer für die selbstgenutzte Immobilie sowie Abschaffung des Solidaritätszuschlags.*

Also Steuern werden gestrichen. Klasse! Auf dem nächsten Wahlplakat steht dann wieder rot auf gelb „FDP – Die Steuersenker“ – und dazu ein Foto von Christian Lindner, der den Daumen nach unten hält. Sepia eingefärbt. Vielleicht passt das zu gelb.

Und die Sozialbeiträge (inkl. Solidaritätszuschlag) werden auch gesenkt. Da profitiert der Geschäftsleiter von! Balance muss her! Gut, der Arbeitnehmer ist der Gekniffene, wenn er dann für die geringeren Sozialeinnahmen des Staates mehr selbst übernehmen muss. Halt mehr Bürger und weniger Staat. Balance, you know?!

Aber einen Vorteil hat der Angestellte, der 2.400 EUR brutto bekommt für 40 Std. und am Wochenende dann noch 400 EUR als Kellner hinzuverdient – er muss keine Grunderwerbsteuer mehr bezhlen für sein Einfamilienhaus für 400.000 EUR. Gut, das kann er sich natürlich niemals leisten, aber von der Balance her ist das schon gut austariert.

Also echt: „Steuern runter. Soli weg. Mitte entlasten.“ ist mein Slogan. Wie gesagt: Vong Balankse her halt. :-)

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